Lissabon und das Herz Portugals

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Vor meiner Reise war mein erster Gedanke zu Portugal: Algarve, Strand, Sonne, Meer. Nach meiner Reise durch das Land gibt es so viel mehr Gedanken, Erlebnisse und Gefühle, die mir durch den Kopf schießen: Fado, die tausend Arten des Bacalhau, geheimnisvolle Schlösser in den Wäldern von Sintra, Riesenrad fahrende Sardinen, Korkwälder, Unmengen an traditionell bemalten Fliesen, eine Kapelle in einem kleinen Dorf im Osten, gebaut aus den Knochen und Totenschädeln seiner Bewohner, unendliche Ackerflächen im Inland, unendliche Weiten am westlichsten Punkt Europas…

Der Vibe Lisboas

Mit großen Augen steige ich aus der Tram in Lisboa (portugiesisch für „Lissabon“). Und nein, nicht der berühmten gelben 😉. Die ist zwar wirklich süß, aber teuer und von Touris belagert. In den nächsten Tagen würde ich Lisboa in mein Herz schließen, eine Stadt voll fremder Kulturen, die sich in künstlerischer gemütlicher Atmosphäre zusammenfinden. Ob Portugiesen, Brasilianer, Afrikaner… Lissabon pulsiert in einer ganz eigenen Dynamik. Kleine Cafés laden dazu ein, dem aufgeregten Treiben der Stadt bei einer Pasteis de Nata (portugiesisches Blätterteig-Vanille-Gebäck) zuzusehen. Aus den kleinen Bars, die mit alternativer Atmosphäre ein Berliner Flair aufkommen lassen, ertönt Reggaetón, Kizomba, lateinamerikanische Musik. Ein positives Lebensgefühl schwebt in den Straßen. Nachts tummeln sich Leute in den engen Pubs mit alten Bildern an der Wand. Nichts ist zu verwinkelt, als dass nicht noch ein alter Ledersessel hineinpasst, ein Pub erstreckt sich als bestimmt 20 Meter langer enger Schlauch.

Von Sinto und Fado

Ich bin mit einer Freundin verabredet. Wir finden uns wieder in einem der vielen kleinen Restaurants, im Tasca do Chico in der Rua dos Remédios. Hier gibt es gerade einmal Platz für fünf Tische.Während wir unsere caldo verde (traditionelle grüne Suppe) genießen, wird plötzlich das Licht gedimmt. Eine zierliche Frau Anfang 20 erscheint vor den Gästen. Ein alter Mann sitzt hinter ihr auf dem Stuhl und lässt seine Finger über eine zwölf-saitige Gitarre gleiten. Es wird still um uns. Die junge Frau schließt ihre Augen und fängt an zu singen. Von Liebe, von Trauer. Von Verlangen. Und da ist es – das Herz Portugals. Portugiesen lieben das Gefühl – sie nennen es sinto. Das Gefühl jemanden zu vermissen. Sie sind ein melancholisches Volk, wie sich in ihren zahlreichen stimmungsvollen Liedern zeigt. Nach ein paar Liedern verstummt sie, das Licht wird erhellt, die Menschen reden wieder und genießen ihr Essen. Die junge Frau zieht weiter in das nächste Restaurant. An diesem Abend erwarten mich noch gefühlvolle Gesänge von einem älteren Mann und einer sehr alten Frau. Die Frau hatte bereits Probleme mit dem Laufen und dem Sehen, doch in ihrer Stimme lag noch immer etwas Kraftvolles und Leidenschaftliches. Fado nennt sich dieser Gesang und ist sogar als Weltkulturerbe deklariert. Es ist ein emotionales Erlebnis und so wird vor Beginn eines jeden Fados die Tür des Restaurants geschlossen, kein Besucher soll diesen Moment stören. Im alten Lissaboner Stadtviertel Alfarma, wo in engen Gassen Haus and Haus steht und Tür an Tür klopft, gibt es aus Tradition sogar noch ein ganz besonderes Ritual: Statt des Applauses am Ende des Stückes reiben sich die ca. 20 Restaurant-Besucher die Hände – eine wohlige Stimmung zum Ausklang des Abends. Beinahe geräuschlos, um die Nachbarhäuser nicht beim Schlafen zu stören.

  • Ein wunderschöner und intimer Fado, fern der Stadt
  • Portugiesische Restaurant-Atmosphäre
  • Die grüne Suppe - Caldo Verde
  • Bacalhau mit Koriander-Essig-Kartoffel-.... nicht ganz meins

Einen meiner schönsten Fados habe ich in einer kleinen Gemeinde namens Evora erleben dürfen. Abwechselnd haben ein junger und ein alter Mann den ganzen Abend gesungen und gegessen. Alle paar Lieder hat sich einer von ihnen wieder hingesetzt und sich einen weiteren Schluck Wein gegönnt. Und egal ob jung, alt, Mann oder Frau, eines ist ihnen allen gemein gewesen: Sie alle hatten eine wirklich wundervolle Stimme.

Alternatives Lissabon: LX Factory und Street Art

Wer sich für Kunst und insbesondere Street Art interessiert, ist in Lissabon genau richtig. Die Rua da Madalena zeigt das bekannte „Fado Vadio“, die Geschichte Portugals wird cartoonartig in einem Tunnel dargestellt und es warten unzählige kleine Kunstwerke in den Straßen der Stadt.

  • Die Geschichte Portugals in Bildern
  • Fado Vadio...
  • ...in der Rua da Madalena
  • Lissabon hat unzählige Straßenkunstwerke zu bieten

Während meiner Zeit in Lissabon ist mir ein Ort ganz Besonders ans Herz gewachsen: Die LX Factory ist ein altes Fabrikgelände, das zu einer Ansammlung alternativer Kunst und Bars umfunktioniert wurde. Besonders die Bücherei hat es mir angetan, die eine alte Papierdruckerei bezogen hat und auch ein Kaffee beherbergt. Neben originellen Produkten in den alten Lagerhallen laden auch die Restaurants und Bars dazu ein zu verweilen.

Typisch Portugal

Heute werde ich jedoch auf das leckere portugiesische Chicken Piri Piri verzichten, denn ich interessiere mich für das Nationalgericht überhaupt: Bacalhau – Stockfisch. Ich treffe Giuseppe, Koch aus Leidenschaft, der mich in die tausend Arten des Bacalhau einführt. Die Portugiesen essen ihn in allen Varianten. In einer Suppe mit Essig, ao Forno mit Käse, klassisch mit Kartoffeln oder sogar mit Spiegeleiern. Wir kochen Caldeirada de Bacalhau – mit Reis und Gemüse. Das Skurile darin ist, dass der Stockfisch in portugiesischen Gewässern gar nicht vorkommt – er wird hauptsächlich aus Norwegen importiert. Macht aber nix, schmeckt trotzdem!

Wo wir gerade bei Fisch sind: Hier muss ich natürlich die Sardinen erwähnen. Portugiesen lieben diese kleinen großäugigen Fische so sehr, dass sie sogar in bunten Büchsen auf Riesenrädern verkauft werden, in Shops, die nur aus Sardinen Büchsen bestehen! Damit nicht genug, kann man sie sogar als Plüschtier kaufen! Wer also schon immer mal ein Kuscheltier der besonderen Art drücken wollte… 😉

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Mit Bus, Bahn, Auto und zu Fuß durch Portugal…

Auf meiner Reise alleine durch das Land bin ich mit Bus, Bahn, Fahrrad und Auto gefahren. Letzteres habe ich mir in Evora gemietet, nachdem ich dort ‚festgesessen‘ bin. Sogar nach Brainstorming mit den einheimischen Studenten dort gab es keine vernünftige Route von Evora nach Odeceixe, die man auf irgendeinem Busfahrplan finden würde. Selbst die Studenten vor Ort greifen auf die Rede Expressos Touristen-Busse zurück. Laut ihnen besteht das Problem darin, dass es zu viele lokale Busunternehmen gibt, die nirgends im Internet auftauchen. Daher auch kein Fahrplan. Die Entscheidung, für diesen Teil der Reise ein Auto zu mieten, hat sich für mich als goldrichtig erwiesen. So konnte ich völlig unabhängig durch den Osten kurven (ja, hier gibt es wirklich nur Ackerland und kleine Kapellen-Dörfer), den Parque Natural do Sudoeste Alentejano e Costa Vicentina Nationalpark fernab von Bushaltestellen erkunden und musste nicht ständig auf die Uhr schielen. Von Sagres die Algarve entlang nach Faro boten sich mir so wunderschöne Sonnenauf- und untergänge. Höhepunkte meiner Route könnt ihr hier sehen:

  • Die Algarve um Faro von oben
  • Ich habe noch nie so viele frei umherwandernde Kühe und Schweine ohne Zäune gesehen und greife fortan beruhigt zu bei "imported from Portugal"
  • Kirche in einem der vielen kleinen Dörfer im Osten Portugals
  • Wunderschöner See mitten im östlichen Nirgendwo
  • Felder und Ackerbau so weit das Auge reicht
  • Odeceixe's Sandbank
  • Feldbegegnung
  • Atemberaubend schöner Moment über dem Praia da Bordeira
  • Ein Paradies und VW-Bus-Heimat für viele Surfer - Praia di Arrifana
  • Parque Natural do Sudoeste Alentejano e Costa Vicentina Nationalpark
  • Praia do Beliche...
  • ...der schönste Strand auf meiner Reise...
  • ...ein Ort um zu verweilen
  • Momente ohne Worte
  • Belohnender Sonnenuntergang nach einer Fahrradtour von Sagres zum Praia do Beliche
  • Wenn sich zwei Wege unerwartet kreuzen, kreieren wir Erinnerungen
  • Praia do Tonel - erst jetzt kommen auch die letzten Surfer an Land
  • Schreiben in einem Café in Faro

Portugal steht aber für noch so viel mehr: Es ist ein Land voller Korktaschen und mysteriöser Orte wie Sintra mit seinen sagenumwobenen Schlössern und seiner beeindruckenden Natur, sowie die kleine Gemeinde Évora, die eine von weltweit 8 Knochenkapellen beheimatet. Klick auf die Links, um mehr zu erfahren!

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