Offline Reisen – Ohne Internet in der Türkei

offline reisen ohne handy ohne internet

Seien wir ehrlich: Reisen war nie leichter als heute. Wir buchen unser Hotel online, unseren Flug, check-in online, Wifi am Flughafen, manchmal sogar während des Fluges, im europäischen Ausland können wir unser inländisches Internet-Paket weiterbenutzen, als hätten wir die Grenzen unseres Landes nie verlassen. Du weißt nicht, wie es zum Strand geht? Google Maps regelt das für dich und ist in den meisten Ländern auch eine mehr als valide Stütze, um von A nach B zu kommen. Es kalkuliert sogar etwaigen Stau ein und beachtet aktuelle Störungen deiner Metro-Linie. Um mehr über das „leichte“ moderne Reisen mit Smartphone und Co. zu erfahren, kannst du dir diesen Beitrag durchlesen: Reise App Hacks – Die leichte Art zu Reisen. Doch was, wenn all das nicht greift? Was, wenn wir wieder auf uns gestellt sind und offline reisen wie in alten Zeiten? Als eine Reise noch ein Abenteuer war? Gewinnen wir vielleicht etwas zurück, wenn wir bewusst offline gehen? In Istanbul habe ich mich der Offline-Challenge gestellt.

Ich wollte Istanbul echt und offline erleben. Also habe ich kurzerhand alle Adressen in mein kleines Buch geschrieben und mein Handy ausgemacht. In 4 Stunden Aufenthalt habe ich mich zweimal verfahren. Klappt also super!
Man braucht vielleicht länger, aber es hat wirklich Vorteile so zu reisen. Man bekommt viel mehr mit. Man lernt Metrokarten wieder richtig zu lesen und auch das „this line is under construction“ Zeichen nicht zu übersehen – auf die eher mühsame Art. Ich habe meine Umgebung viel bewusster wahrgenommen. Als ich nachts in Bostancı ausgestiegen bin, habe ich vergeblich nach der offiziellen Bushaltestelle gesucht. Ich hatte wohl den falschen Ausgang genommen. In der Ferne hupte und blinkte ein kleiner Minibus. Von einem Türken hatte ich erfahren, dass diese sogenannten Dolmuş (türk.: „gefüllt“) ein beliebtes Fortbewegungsmittel in der Türkei seien. Sie hatten keine festen Stops, sondern hielten, wo die Leute aussteigen wollten. Ohne diese Information wäre mir das alles wohl komisch vorgekommen.

Doch so sprintete ich los, kletterte über die Leitplanke und drückte mich in den überfüllten Bus. Der Bus fuhr los, ich hatte keine Ahnung wohin. Schon meine Metro-Reise zuvor hatte mir gezeigt, dass die wenigsten Türken hier Englisch sprachen. So auch hier. Mit Staunen beobachtete ich, wie die zwei türkischen Lirasi an den Dolmuş Fahrer gezahlt wurden. Jeder reichte sein Geld über die Hände der anderen Fahrgäste nach vorne. Der Fahrer wechselte, mal 8 Lirasi, mal 48 Lirasi – und irgendwie kam in diesem Tumult von Händen das jeweilige Wechselgeld auch wieder bei der entsprechenden Person an. Ich drückte der Frau vor mir meinen Schein in die Hand und alles nahm ungeordnet geordnet seinen Lauf.

Ich war nicht sicher, ob ich meine Möglichkeit auszusteigen verpasst hatte. Mein kleines Buch enthielt die Adresse meines nächsten Eckpunktes. Türkische Worte. Diskutierende Gesten. Mein Buch wanderte durch den halben Bus. „Sorry, only English“ sagte ich mit entschuldigendem Blick. Stimmengewirr. Weitere Türken, die meine Schrift zu entziffern versuchten. Irgendwie schaffte es meine Frage vor zum Busfahrer. Dieser gab laut die Antwort nach hinten. Die hilfsbereiten Türken neben mir sagten: „Ah. Late. Late.“ Der Busfahrer hielt. Sie zeigten erst auf mich und dann auf die Tür. Ich war zu weit gefahren. „Taksi, tamam?“ Ab hier war ich mit dem Taxi besser dran. Ich bedankte mich aufrichtig und nahm mein Buch entgegen.
Wenig später saß ich in einem Taxi. Der Fahrer sprach türkisch. Wir lachten, weil wir uns nicht verstanden. Er sprach mit Google Translate in sein Handy. Normalerweise nähme er keine Leute mit in die Stadt. Er wäre ein Flughafentaxi. Er müsse eine feste Route fahren. Wir lachten beide, als wir nach drei weiteren U-Turns den Namen meines kleinen Hotels in der Nacht leuchten sahen. Ich verabschiedete mich mit einem herzlichen „Teşekkürler“ und fiel müde in mein Bett.

 

Was hat mir eine Woche ohne Internet gebracht? In einer Gegend, in der wenige Menschen englisch sprechen? Hier meine Pros und Cons.

Offline Reisen Cons:

  • Man braucht wirklich teilweise sehr viel länger, um an Informationen zu kommen und reist dadurch langsamer
  • Man greift unter Umständen auf teurere Alternativen wie Taxis zurück, weil man billigere Reisemöglichkeiten nicht ausfindig machen kann oder nicht bereit ist, noch länger auf einen Bus zu warten, der eventuell gar nicht dort abfährt, wo man steht.

Offline Reisen Pros:

  • Man kommt in Kontakt mit den lokalen Menschen, ihrem Denken und ihrer Art. Das ist überhaupt der Grund, warum ich reise.
  • Man erlebt Gastfreundlichkeit, die ich so weder erlebt noch erwartet habe und über die ich mich von ganzem Herzen gefreut habe.
  • Man lernt auf andere Menschen zuzugehen und sich Informationen zu beschaffen. Das klappt auch irgendwie, wenn einer englisch und der andere türkisch redet. Eine fremde Sprache sollte dich nicht davon abhalten, in ein anderes Land zu reisen.
  • Man erlebt seine Umgebung viel intensiver, als wenn man unentwegt auf das flimmernde Display seines Smartphones sieht, um die Route zu tracken.

Ihr seht schon, das Offline Reisen hat mir gefallen. Irgendwie ist es auch ein Trade-Off zwischen Bequemlichkeit und neuen Erfahrungen und variiert bei mir zumindest tagesabhängig. Manchmal möchte ich einfach nur schnell zurück in mein Hostel oder manchmal bin ich einfach nicht bereit mir ein Taxi für teuer Geld zu leisten. Manchmal bin ich neugierig auf die Menschen, manchmal möchte ich einen Moment für mich. Ich will mich hier also nicht für oder gegen das Offline Reisen aussprechen. Ich möchte nur meinen Eindruck mit euch teilen, dass wir gerade ohne unsere Smartphones noch aktiver, geselliger und lebendiger werden.

English