Regenbogenberge – Wieso sie Leben in Peru verändern

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Es ist 3:30 Uhr morgens. Langsam schäle ich mich aus dem Bett. Sobald meine Füße den Boden berühren, spüre ich die Aufregung in mir hochsteigen. Einmal die Regenbogenberge sehen. Das war über die letzten Jahre zu meinem ganz großen Symbol des Reisens geworden. Die prächtigen Farbschichten dieser Berge einmal von Angesicht zu Angesicht sehen zu dürfen.

Heute ist es endlich soweit. Doch was mich heute noch erwarten würde, geht weiter als die Erfüllung meines persönlichen Traums. Heute würde ich eine neue Perspektive auf peruanischen Tourismus bekommen. Auf eine nachhaltige Verbesserung der Lebensumstände lokaler Gemeinden und ihrer Llama-Hirten, die in den Hochebenen Perus wohnen.

Mein Guide Alfredo Franco steht mit dem Wagen bereit, der uns von Cusco zur Gemeinde Quesiouno bringt. Die Fahrt ist weitaus abenteuerlicher als alle restlichen Fahrten in Peru zusammen. Die Straße ist eng, nicht befestigt, holprig und führt stets einen steilen Abgrund entlang. Die Aussicht jedoch ist atemberaubend. Ein paar schreckhafte Sitzumklammerungen später erreichen wir das Basecamp: Unser 3-stündiger Aufstieg erstreckt sich von 4.300 Metern über 900 Höhenmeter auf den Gipfel von Vinicunca – dem Regenbogenberg. Die vielschichtigen Farben zeigen verschiedene Mineralvorkommen an, die in Millionen von Jahren entstanden sind.

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Die Luft ist dünn, die Schritte fallen zunehmend schwerer. Und dann erblicke ich die Llama-Hirten aus den umliegenden Gemeinden. Doch obwohl ich ab und an auf ein paar grasende Llamas stoße, sind sie nicht deswegen hier. Sie sind hier wegen uns, den Touristen. An Zügeln halten sie Pferde, gesattelt und bereit, die schwer atmenden Touristen ihr letztes Stück hinauf zum Gipfel des Regenbogenberges zu begleiten. Stolz tragen sie die Farben ihrer jeweiligen Dorftracht und wirken gar leichtfüßig, während sie ihre mit Touristen besetzten Pferde bergauf und bergab führen. Ich höre ein zurückhaltendes „Horse?“. Eine alte bunt gekleidete Frau deutet erst auf mich und dann auf ihr Pferd. Ich schüttle dankend den Kopf, die Frau lächelt zurück. Sie spricht Quechua, wie viele Dorfbewohner. Englisch hat sie nie gebraucht.

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Während ich mich den Berg hochkämpfe, schießen mir immer mehr Fragen durch den Kopf. Wie leben diese Menschen hier? Hat sich für sie viel verändert durch den Tourismus? Oder bleiben sie auf der Strecke, während sich eine internationale Tourismus-Agentur eine goldene Nase verdient?

Ich drehe mich um zu meinem Tour Guide Alfredo. Er ist ein 30 Jahre alter Cusqueño (ein Einwohner Cuscos). Er ist ehemaliger Hotel-Rezeptionist und führt diese Touren seit 3 Jahren. „Vor 4 Jahren wusste niemand, dass es hier Regenbogenberge gibt. Sie wurden per Zufall entdeckt, von einem Touristen auf dem Weg zum Berg Ausangate, dem fünfthöchsten Berg in Peru. Er flog mit seiner Drone über das benachbarte Gebiet und machte schließlich ein Foto von den vielen Farbschichten des Regenbogenberges. Daraufhin haben dann die ersten Touren angefangen.“

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Die Zahl der Touristen hat sich schnell vervielfacht. Doch der Weg ist beschwerlich, der niedrige Sauerstoffgehalt ruft bei manchen Wanderern Symptome der Höhenkrankheit hervor. Die angebotenen Touren in diesem Gebiet verfügen über Notfall-Sauerstoffflaschen und Touristen werden angehalten, an einem kleinen Alkoholfläschchen zu riechen, das das Atmen erleichtern soll. Auch Coca-Blätter stehen hoch im Kurs und helfen gegen Symptome der Höhenkrankheit, das wussten bereits die Inka. Eine Hamster-Backer voller Coca-Blätter passiere ich eine Stelle, an der eine hyperventilierende Frau medizinisch versorgt wird. Höhenkrankheit ist eine Frage der Akklimatisierung. Sollte bei euch also ein Ausflug zu den Regenbogenbergen auf dem Plan stehen, gewöhnt euch vorher mindestens 2 Tage an die Höhe in Cusco. Besonders oft trifft es Touristen, die direkt von Lima in das 3400 Meter hoch gelegene Cusco fliegen und ihrem Körper nicht genug Zeit geben, sich an die dünne Luft zu gewöhnen.

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Eine andere Lösung bieten da die Pferde der Dorfeinwohner. Die körperliche Anstrengung in Kombination mit der Höhe macht es vielen Touristen schwer bis unmöglich, bis an den Gipfel zu gelangen.

Aber wie viele sogenannte „Horsemen“ gibt es denn hier oben eigentlich? Und wie viel verdienen sie damit?

„Circa 200 Horsemen a 2 Gruppen begleiten hier in wechselnden Wochenschichten jeden Tag Touristen.“, meint Alfredo. „Vor 3 Jahren hat ein Ritt nach oben 10 Soles (~2,50€) gekostet. Jetzt ist der Preis auf 60 Soles gestiegen. Ein Horseman verdient bis zu 100 Dollar am Tag.“

Aber landet das Geld denn auch den Bergbewohnern? Was passiert damit?

„Das Llama Hüten oben in den Bergen hat oft nicht gereicht, um finanziell über die Runden zu kommen. Früher mussten die alten Menschen in die Stadt nach Cusco ein paar Stunden entfernt, um dort 12 Stunden zu arbeiten. Als Koch, Fahrer, Bauarbeiter oder einfach bettelnd. Durch den Tourismus hier in den Regenbogenbergen hat sich ihre Lage sehr verbessert und sie arbeiten von 6 Uhr morgens bis 2 Uhr nachmittags, also 6-7 Stunden am Tag.“

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Ich will wissen, inwieweit der Tourismus um die Regenbogenberge dabei hilft, lokale Gemeinden zu unterstützen.

„Das sind alles Farmer, die das Geld in ihr Haus, vielleicht sogar ein Auto, vor allem aber in die Bildung ihrer Kinder stecken. Mit dem Geld der Touristen können sie ihre Kinder auf Privatschulen schicken in Cusco. So können diese Englisch lernen und später gutes Geld in der Touristenbranche verdienen, zum Beispiel als Guide. In manchen Dörfern gibt es Schulen, zu denen die Kinder 3-4 Stunden laufen müssen, die aber nicht über ausreichende Englisch-Kenntnisse verfügen. Jeder Ritt und Besuch hilft also viel, um auch langfristig die Situation der Dorfbewohner um das Regenbogenberg-Gebiet herum zu verbessern.“

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Ich denke über Alfredos Worte nach. Als Tourist ist man manchmal versucht, die Dinge sehr einfach zu betrachten. Ich war eingestellt auf Leute in Pseudo-Trachten mit Llamas, die sich für Geld fotografieren lassen. Auf aufdringliche Angebote für Pferderitte, die auf möglichst viel Gewinn aus wären und sich die Unwissenheit der Touristen zu Nutze machen würden. Auf bandenähnliche Organisationen, die den Dorfbewohnern nur einen Bruchteil des Geldes überlassen würden. Doch was ich vorgefunden habe, sind allesamt sehr freundliche Menschen. Einfache Menschen, die ein grundehrliches Lächeln im Gesicht tragen. Menschen, die ihre Tracht nicht „nach der Arbeit“ ausziehen, sondern ein völlig anderes Leben führen als ich.

Und auf einmal ist es okay. Es ist schön, sie in ihren Trachten zu sehen, mit ihren Llamas, die sie von daheim mitgebracht haben. Es ist schön zu sehen, dass Touristen ihnen für ihre Dienstleistung auch ein entsprechendes Geld geben, das auch wirklich bei ihnen ankommt. Dass ihre Kinder die Möglichkeit haben würden, in Cusco Englisch zu lernen, dort vielleicht sogar studieren würden.

Der Anblick auf dem Gipfel ist unbeschreiblich. Auch hier bin ich skeptisch gewesen, habe an Photoshop und Sättigungskurven gedacht. Doch was ich sehe, ist wirklich die Reise wert. Ich hole meine Kamera aus dem Rucksack und merke, dass mir jede Bewegung mehr abverlangt. Eifrig will ich fotografieren und den Moment festhalten, als ich eine Pause einlegen muss, um zu verschnaufen. Mir wird etwas schwindelig auf dem Gipfel, auf 5200 Metern.

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Mindestens genauso schön gestaltet sich der Weg hinab durch das sogenannte rote Tal. Die Gesteine hier sind mehr von Eisen geprägt und bilden einen enormen Kontrast zur grünen Landschaft weiter unten im Tal.

Das Tal mit Llamas, Alpacas, Pferden und ab und an einer einsamen Hütte erinnert mich an eine verzauberte Hobbit-Welt. Ich halte Ausschau nach einer Kutsche mit einem alten grauen Mann darauf, aber hier gibt es wirklich kein menschliches Lebenszeichen außer uns. Ein Bach zieht sich sanft durch das saftige Grün der Landschaft und kleine, kaum sichtbare Pfade führen weiter in diese eigene kleine Welt hinein.

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Alfredo sagt: „Das Schönste an meiner Arbeit ist, wenn Touristen diese Tour zu den Regenbogenbergen mit mir machen, diese wunderschöne Natur bewundern und sagen: Danke pacha mama!“ – Danke, Mutter Erde.

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