Verkorkstes Portugal – Aus dem Leben eines Korken

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Als François Dupin’s Zunge bei seinem letzten Schluck Rotwein auf ein Stück Korken trifft, schaut dieser mit trunkenen Augen erbost auf die alte Flasche. Ein 2008er Jahrgang, der hätte doch so gut schmecken sollen. Verärgert beäugt er den ausgeblichenen Korken, der zeitweise vor seiner großen roten Nase verschwimmt.

„Du blöder Korken!“, raunt er und will ihn verdrossen wegwerfen, als dieser plötzlich zu sprechen beginnt.

„Was heißt hier blöder Korken? Weißt du eigentlich, was ich schon alles durchgemacht habe?“

Verdutzt begafft François den Korken.

„Ja du, ich rede mit dir.“

Unsicher schielt François in sein Glas. Wieviel hatte er getrunken? Und beschließt dann, dass es eigentlich egal war.

„Weißt du eigentlich, was ich durchgemacht habe, um diese Weinflasche aufzubewahren? Und jetzt hast du sie mir total verkorkst!!“, lallt er etwas ungehalten.

Der Korken fährt unbeirrt fort: „Ich war schon auf der Welt, da haben sich deine Trauben noch in der Erde versteckt!!“

„Wie alt bist du?“, fragt François und hält den Korken vor sein zusammengekniffenes Auge, als würde ihm dies die Antwort liefern.

„52 Jahre“, piepst der Korken stolz.

Der alte Mann haut ungläubig auf den Tisch, beinahe wäre ihm der Käse vom Tisch gerollt.

„Ich glaub dir kein Wort!“

„Es dauert nunmal sehr lange, bis ich zu dem werde, was ich bin.“

„Nun gut, dann erzähl mir deine Geschichte, du oller Korken.“, raunt François , puhlt ein Stück Korken aus seinem Glas und schenkt sich nach.

„Nun mal sehen. Einst war ich der äußereste Ring eines Korkbaums in Portugal, der Mantel meines Mutterbaums sozusagen….“

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„Portugal, hm?“, murmelt der Franzose ungläubig.

„Natürlich Portugal! 50% des weltweiten Korks wird in Portugal produziert. Jedenfalls hatte ich als Korkbaum 25 Jahre lang meine Ruhe. Dann kam ein Sammler mit seiner Axt und hat meiner Mama ihren Mantel abgenommen. Das machen sie mit Korkbäumen zum ersten Mal, wenn sie 25 werden. Sie nennen diesen Mantel „Jungfrauenkork“, er ist sehr leicht und hat keine große Dichte. Mit dieser etwas minderen Qualität lassen sich zum Beispiel Böden herstellen. Danach kommt regelmäßig ein Sammler zu uns, aber nur alle 9 Jahre wird ein weiterer Mantel abgenommen.

Ich – der Korken – stamme aus der dritten Generation, damals 43 Jahre alt. Die Portugiesen bezeichnen Kork ab der 3. Generation als amadia (dt.: „Korken“) Qualität.

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Verschiedene Kork-Generationen – Amadia (2.v.o.) weist eine besonders dichte Konsistenz auf

Meine Qualität ist jetzt so gut, das heißt meine Konsistenz ist so dicht, dass ich ein Korken, ein Schuh, eine Tasche, sogar ein Regenschirm,…. eigentlich alles werden kann.“

„Aber hat das der Korkbaum denn überlebt?“, fragt François mit belegter Stimme.

„Ja klar! Deswegen ist Kork etwas ganz Tolles, denn wenn die Ernte alle 9 Jahre erfolgt, wird der Baum nicht beschädigt. Wir Korkbäume leben 250-300 Jahre! Man erntet den Mantel auch nur zwischen Mai und August in Portugal, da ist er elastisch wegen der Wärme und bricht daher nicht.“

„Und wie wird aus der Rinde so ein Korken wie du es bist?“

„Die Rindenmäntel werden in eine Fabrik gebracht und müssen dort erstmal ca. 4 Monate ruhen. Sie werden dann in 100 Grad heißem Wasser gekocht. Danach sind wir sauber und frei von Insekten. Dort werden wir auch zu Schichten zusammengepresst. Es gibt 6 verschiedene Qualitäten von Kork!

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Hochwertiger amadia Korken wird der Faser entlang aus dem gepressten Kork gestanzt

Franzosen zahlen mit Abstand am meisten für uns, sie bekommen sehr hochwertige amadia Korken, die durch ihre Fasern atmen! So ein Korken kann für sich schonmal 3-4 Euro kosten.

Billigere Weine leisten sich das nicht, daher wird Korkgranulat benutzt und mit Kleber zuammengehalten. Und den schmeckt man dann eben manchmal, wenn es „korkig“ schmeckt. Du hättest mich halt auch nicht 8 Jahre aufheben sollen! Da kann ich schonmal beginnen zu bröseln und zu korken.“, meint der Korken schnippisch.

„Entschuldigung..“, gibt François kleinbei.

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Kork geringerer Qualität, statt ganzen Korkfasern wird Granulat zusammengeklebt

„Korken, die atmen, sind gut für Wein, aber schlecht für alles mit Kohlensäure!“, fährt der Korken fort, „Für Champagner, der nicht atmen soll, wird zwar ein Granulat-Korken benutzt, der aber mit zwei ganzfasrigen Scheiben aus amadia Qualität unterlegt wird. So berührt der Inhalt der Flasche niemals den Kleber. Mit amadia Qualität kann die Flasche bis zu 40 Jahre lang gelagert werden, ohne zu korken. Ziemlich clever!““Und kann es sein, dass so ein Korken mal schlecht ist? Also weil ein Baum krank ist oder so?“

„Ja natürlich können wir krank werden. Dann sind unsere Blätter nicht mehr grün, sondern gelblich braun. Aber auch Insekten können sich in unserem Inneren einnisten. Hierfür gibt es extra Maschinen, die dunkle Flecken in uns als Pilz erkennen und uns aussortieren. Tatsächlich gibt es aber auch dunklere Stellen, die in uns ganz natürlich vorkommen, und so hilft am Schluss tatsächlich nur das menschliche Auge, um auch die letzten schlechten Ausreißer herauszufischen.“

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Wenn Menschen unersetzbar sind – Portugiesinnen sortieren schlechten Kork per Hand aus

François nimmt einen großen Schluck und wird nachdenklich. „Also du sagst, du hättest auch eine Tasche werden können?“

„Ja! Hast du das noch nie gesehen? Das ist gerade voll auf dem Vormarsch! Es ist nachhaltig, weil 100 Prozent recyclebar. Wir atmen wie Leder, und 7% des Korks haben eine so gute amadia Qualität, dass sie sich wirklich wie Leder anfühlen! Es gibt sogar Designer, die für bestimmte Farben von Kork bezahlen, damit nur sie diese benutzen dürfen für ihre Mode. Uns gibt es mittlerweile eingefärbt in allen Variationen!

  • Kork-Regenschirm
  • Kork-Stuhl
  • Kork-Tasche
  • Kork-Stiefel

 

Als François den letzten Käsewürfel isst, brennt ihm eine weitere Frage auf der Zunge: „Aber wie erkenne ich nun, ob ein Korken oder eine Tasche eine gute Qualität hat oder nicht?“

„Das ist eine gute Frage. Einen guten Korken erkennt man an seiner Dichte und er ist nicht ausschließlich aus Granulat gemacht. Er wird schwerer sein als die billigeren Varianten. Eine gute Tasche hat stets größere Quadratmuster, da an der Faser entlang geschnitten wurde und es nicht zu sehr zusammengeklebt werden musste. Man muss natürlich beachten, dass bei Kork meist ein Textil hinterlegt ist, um uns stabil zu machen. Die „Korkhaut“, eine sehr dünn geschnittene amadia Korkschicht, würde sonst zerfallen. Man kann uns übrigens ganz einfach reinigen mit Wasser und Seife. Noch ein Vorteil, wie ich finde.“, beendet der Korken seinen Vortrag.

„Das ist ja incrédible!“, ruft François aus, schlägt mit beiden Händen auf den Tisch und bemerkt, dass ihn seine Frau bereits kopfschüttelnd anstarrt.

 

Nachwort

Ich habe mich sofort verliebt in die Kork-Welt. Weniger wegen der Weinkorken, desto mehr wegen der Taschen (ich bin eine Frau, ich liebe Taschen) und all der tollen Dinge, die in Portugal daraus gemacht werden. Die hervorstechendsten Eigenschaften von Kork sind die Nachhaltigkeit in der Herstellung sowie die Atmungsaktivität, Robustheit, Isolationsfähigkeit und die Flexibilität dieses Materials. Ich war von meiner Kork-Tasche aus Portugal so begeistert, dass ich eine Email an die Firma Novaçortica (portugiesisch für „Neuer Korken“) geschrieben habe. Kurze Zeit später durfte ich Katarina begleiten, die in dem 1935 gegründeten Familienunternehmen arbeitet. Seitdem betrachte ich jeden Korken mit anderen Augen 😀

 

Erfahre mehr über Portugal, indem du auf den Link klickst: Lissabon und das Herz Portugals

 

 

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